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Unter meiner Haut.

by grossstadtklein

War das Herz jedoch leichter als die Feder der Maat bzw. genau so leicht, durfte der Tote weiter leben. Er wurde selbst zu Osiris. Denn sein Herz ging gerecht aus der Waage hervor, ohne dass er bei irgendeinem Gott oder bei irgendeiner Göttin als Verbrecher befunden wurde. Er durfte fortan im Kreise der Götter leben.

Bereits mehr als 10 Jahre sind vergangen, seit ich mir das erste mal schwarze Tinte und damit ein Kapitel unter die Haut habe stechen lassen. Ein einziges Tattoo sollte es werden. Nur ein einziges Tattoo sollte es bleiben. Hoch und heilig hab Ich’s meinen Eltern versprochen, die bis heute – rund 10 Tattoos später – noch immer nichts von diesem Körperkult halten. Für mich hat es sich ergeben, dass ich für mich Bedeutsames auf diese Weise festhalte.


Der Kompass kam hinzu, als ich mein Elternhaus und meine Heimat verlassen habe und in den Norden gezogen bin. Meine Eltern stehen kompromisslos hinter mir und stärken mir den Rücken, auch wenn ich Entscheidungen treffe, von denen sie mir abraten. Wenn ich unsicher bin oder nicht weiß, wohin mit mir, sind sie „mein Kompass“. Gestochen 2013 in Lüneburg.


Mein erster längerer Solo-Auslandsaufenthalt. In meinen Semesterferien habe ich mich auf einen soziales Auslandspraktikum beworben. Englisch unterrichten in Sri Lanka. Dazu ist zu sagen, dass ich vom Land bis dato nicht zig Posts auf Instagram gesehen hatte und die Insel zu der Zeit auch noch nicht eines der top Touristenziele und dementsprechend erschlossen war. Ich erinnere mich noch, wie meine Eltern und meine beste Freundin mich zum Flughafen brachten, die Milchglas-Türen zum Security Check sich schlossen und ich das erste Mal realisierte, dass ich mehrere Wochen vollkommen alleine mit einem Rucksack in ein Land und eine Kultur fliege, welche mir beide fremd waren.

Ich hatte eine wahnsinnig lehrreiche Zeit und dafür bin ich dankbar. Über mich hinauswachsen, an mich selbst glauben, Herausforderungen meistern. Lernen. So war mein erstes Tinten-Reise-Souvenir geschaffen. Gestochen 2013 in Hikkaduwa, Sri Lanka. Vielleicht betrunken.


Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupéry

Ein Zitat, das mich durch meine Kindheit irgendwie immer begleitet hat. Das Original und vor allem in französischer Schrift gefiel mir vom Motiv her nicht, daher habe ich stellvertretend das Herz in griechischer Schriftform gewählt. Gestochen spontan in Lüneburg, 2013.


Der kleine Schlüssel steht für mich für das Abschließen eines Lebensabschnittes, den ich hinter mir lassen wollte und zugleich damit einhergehend für einen Neubeginn. Gestochen spontan 2014 in Hamburg.


Während meiner Studienzeit pflegte ich eine tiefe Freundschaft zu einem Künstler. Wir malten nahezu täglich zusammen, ich half im Atelier. Wir aßen uns durch die halbe Gastronomie Lüneburgs. Machten Ausflüge, Live-Auftritte, sangen, tranken und hatten immer ein offenes Ohr füreinander. Und ich wurde seine Muse.

Die kleine Tänzerin ist eine Zeichnung aus seiner Hand. Ein Unikat, für mich gemalt. Bei genauerem Hinsehen formt der Korpus der Figur das Wort „Muse“. Leider hatte ich einen Insektenstich in Asien, der das Motiv aufgequollen und eine Narbe hinterlassen hat.

Ich mag es dennoch und bereue es keineswegs. Vielleicht aber die Tatsache, es in Phuket (Thailand) gestochen lassen zu haben. Spontan im nächstbesten Studio ein Tattoo am Tag der Abreise nach 3 Bintang. Nicht meine beste Idee.


Der Elefant, wohl mein liebstes Tattoo. Kurzum: Ich kehrte von einem wochenlangen Thailandaufenthalt zurück nach Hamburg, steckte in einem Praktikum, welches ich nicht als zukunftsweisend erachtete, kündigte, buchte einen Flug und reiste wochenlang durch Indonesien. Der Elefant ist das Lieblingstier meiner Mama und steht bekanntlich für Lebensweisheit, Standfestigkeit & Tradition. Das Tattoo wurde für mich angepasst, auf dem Kopfschmuck trägt der Elefant die Initialen meiner Eltern.

Gestochen 2015 in Indonesien. Gefreut haben sich meine Eltern auch diesmal nicht.


Noch am selben Tag, als mein Opa starb, ging dieses Motiv unter die Haut. Er war und ist für mich ein unglaublich wichtiger Mensch. Auf seine alten Tage etwas mürrisch, aber nahezu jedes Mal, wenn wir Zeit miteinander hatten, waren es besondere Momente und er fehlt mir sehr. Als er noch gesund war, nannte er mich aufgrund meiner blonden Locken „Goldengel“. Als er nur noch wenige Tage hatte, überlegte ich lange, ob ich noch direkt zu ihm nach Bayern fahre. Nicht auszudenken, hätte ich das nicht getan. Ich habe mich über ihn gebeugt und seine Hand gehalten, als er nur noch selten die Augen öffnete. Ich lächelte ihn an und sagte ihm, dass sein Goldengel da ist. Er öffnete die Augen, sah mich an und nickte kaum merklich. Das war unser letzter Moment.


Es geht mal wieder nach Indonesien. 2018 verschlug es mich erneut dorthin, diesmal nicht zum Reisen, sondern zum Leben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie man sich nach wenigen Wochen an einem Ort nahezu „zuhause“ fühlen kann. Das Motiv stellt ein Penjor dar. Sicher sind Aufnahmen aus Indonesien bekannt, wenn zu großen Festen Familien zusammenkommen, gemeinsam 3-4m lange Bambusstäbe schmücken und diese anschließend die Straßen säumen. Jede Familie geht dieser Tradition nach, alle Penjore sehen bunt und vielfältig verschieden aus. Der Tattoowierer sagte, er habe noch nie gesehen oder gehört, dass jemand sich ein Penjor stechen ließ. Also war für mich klar, das wird mein Reise-Souvenir Indonesien pt. 2.


Meine Roadtrip-Erfahrung gemeinsam mit meiner lieben Freundin Isi (die übrigens witzigerweise beim Tattoowierer in Sri Lanka auch bei mir war, denn dort haben wir uns kennengelernt) könnt ihr hier nachlesen. Wenn ich das Tattoo sehe, lächle ich innerlich und erinnere mich an einem Moment nie zuvor dagewesener Freiheit.


Die klassische Frage danach, ob ich eines der Tattoos bereue kann ich getrost verneinen. Sie sind alle Teil meiner Geschichte und die Vergangenheit lässt sich nun mal nicht ärgern. Selbstverständlich sehe ich bei manchen der Tattoos schon jetzt die Veränderungen, nachgestochen habe ich bisher bei keinem. Und auch frage ich mich hin und wieder, wie diese in 20 oder gar 40 Jahren aussehen. Aber dann fällt mir wieder ein, dass „alte“ Haut so oder so nie so schön wie junge ist und ich schmunzle.

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1 comment

Andrea April 2, 2020 - 10:09 pm

Tolle Geschichten zu Deinen Tattoos ❤️Ich habe auch welche und bereue keins davon

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